So etwas wie ein Detektiv

Delmore Schwartz

James Atlas war nicht irgendjemand. Ein Freud sprach von ihm. Er sagte, Atlas sei so etwas wie ein Detektiv. Und seine Geschichte würde mich interessieren. Was bedeutet „so etwas wie ein Detektiv?“, wollte ich wissen. Ah, nichts, sagte Antonio, schaute auf seine Uhr, und ließ mich stehen. Er hatte so eine seltsame Art sich zu verabschieden, wenn man es überhaupt „verabschieden“ nennen kann.

Ich versuchte herauszubekommen, wer dieser James Atlas war und kam irgendwie nicht weiter. Immer wieder stolperte ich über einen zweiten Namen, der in Zusammenhang mit James Atlas auftauchte. Mr. Schwartz, Mr. Delmore Schwartz. Geboren 1913 in Brooklyn und auch dort verstorben. Mit 53 Jahren? In einem Hotel? An einem Herzschlag? Seltsam, dachte ich. Und natürlich dachte ich auch an Antonios Worte, dass Atlas so etwas wie ein Detektiv sei. „So etwas wie ein Detektiv…“, ich musste schmunzeln. Wenn er kein Detektiv war, musste Atlas ein Bulle sein. Mir war es egal. Aber warum sollte mich seine Geschichte interessieren?

Antonio und ich trafen uns am übernächsten Tag wieder. Er hatte wie immer wenig Zeit. Ich fragte natürlich sofort nach diesem James Atlas. Ich meine, sagte er, du bist ja auch nicht auf den Kopf gefallen. Hast Du recherchiert? Ja, antwortete ich, aber ich bin nicht weit gekommen. Nah und?, fragte er und schaute wieder auf seine Uhr. Atlas ist ein Bulle, stimmt’s, stellte ich herausfordernd fest. Nein, sagte Antonio, kein Bulle und kein Detektiv. Das hab‘ ich dir bereits gesagt. Du kannst mir glauben. Sagt dir der Name Delmore Schwartz etwas?, wollte er dann wissen. Ja, natürlich, antwortete ich. Ich wollte grade erzählen, was ich herausbekommen hatte, da unterbrach mein Freund mich und sagte nur, um den geht’s.

Atlas wird dich in den nächsten Tagen anrufen. Ich habe ihm deine Nummer gegeben. Dieses Mal sagte Antonio noch: und grüße deine Frau und deine Tochter von mir. Er winkte einem Taxi zu, es hielt, Antonio stieg ein und war weg.

Warum sollte mich dieser Typ anrufen. Ich kannte ihn nicht, er kannte mich nicht. Trotzdem wartete ich die nächsten Tage auf einen Anruf. Aber nichts geschah und niemand rief an. Von meinem Freund hörte ich erstmal auch nichts mehr. Ich versuchte also wieder auf eigene Faust rauszubekommen, was es mit James Atlas auf sich hatte. James Atlas und Delmore Schwartz….

Im Zeitungsarchiv meiner Firma fand ich schließlich einen Hinweis. In der Short List der für den National Book Award 1977 nominierten Schriftsteller. Dort war ein James Atlas vermerkt. Er war Autor eines Buchs mit dem Titel „Delmore Schwartz: The Life of an American Poet“. Atlas war also tatsächlich nur „so etwas wie ein Detektiv“; er war Biograph und hatte über das Leben dieses Delmore Schwartz geschrieben. Und was ich las, war beeindruckend. Atlas hatte mehrere Jahre an dem Buch gearbeitet und hatte in detektivistischer Kleinarbeit und zahlreichen Gesprächen versucht das Leben von Schwartz zu ergründen. Er war literarisch interessiert, lebte seine Zeit als junger Erwachsener mehr schlecht als recht. Schrieb Artikel für Zeitungen und Gedichte. 1937 – da war Schwartz grade mal 25 – veröffentlichte er „In Dreams Begin Responsitilities and Other Stories“. Das Buch hatte großen Erfolg, und von heute auf morgen war Schwartz ein bekannter Dichter und anerkannter Intellektueller.

In den folgenden zwei Jahrzehnten arbeitete Delmore Schwartz als Schriftsteller, engagierte sich politisch, lehrte Creative Writing an der Syracuse University und erhielt Preise.
1959 wird ihm der Bollingen Prize for Poetry als bester Dichter Amerikas verliehen.
Ab da geht es mit Schwartz bergab: Alkoholsucht, Wahnsinn, Bankrott. Mit 53 Jahren findet man ihn, einsam, verlassen und vergessen tot in einem Hotelzimmer des Columbia Hotels, einer New Yorker Einrichtung für Obdachlose. Was man in dem Zimmer vorfindet und für irgendwie interessant hält, steckt man in ein paar Kartons, die dem Archiv irgendeiner Universität überstellt werden, wo sie viele Jahre später die Neugier eines jungen Studenten wecken: James Atlas.

Jetzt war mir klar, warum mein Freund wollte, dass ich Atlas kennenlernte: in den Kisten befanden sich alte Bücher, Zettel, unbezahlte Rechnungen und eine Menge – Achtung! – Ausschnitte aus Zeitschriften- und Zeitungen.
Antonio wußte, dass wir als Medienbeobachter an dieser Art von Archäologie unseres Metiers interessiert waren und hin und wieder Impulse benötigten für kleine, mehr oder weniger wahre Geschichten.

(Anmerkung des Autors: Diese frei erfundene Geschichte basiert auf einem Text von Antonio Muñoz Molina mit dem Titel „Vida de biógrafo“; veröffentlicht am 27.10.2019 in der spanischen Tageszeitung El Pais https://is.gd/4zLX6I )

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