Geburten in Bielefeld

Geburtsanzeigen in Tageszeitungen können, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, unter Überschriften veröffentlicht werden, mit denen der Lektor bei seiner Arbeit als Medienbeobachter nicht unbedingt rechnet. So kommt es vor, dass die in der Nähe von Münster erscheinende Ibbenbürener Volkszeitung die entsprechenden Anzeigen schon mal in der Rubrik „An- und Verkauf“ platziert. Unklar ist, ob es sich dabei um ein Versehen handelt und wer das mögliche Versehen zu verantworten hat. Andererseits könnte es sich, denkt der Lektor in seiner Freizeit, auch um eine Art Weltanschauung handeln.
Ganz anders das in Ostwestfalen – also im östlichen Teil von Nordrhein-Westfalen – erscheinende Westfalen-Blatt. Hier findet man die Geburten des Monats August unter der lokalpatriotischen Überschrift: „Willkommen in Bielefeld“. Ganz im Sinn von Udo Lindenberg, der da sang, „und sehen wir uns nicht in dieser Welt, dann sehen wir uns in Bielefeld„.

 

Straßenbahn

Auch wenn man seine Arbeit als Lektor konzentriert und gewissenhaft durchführt, wird man manchmal durch Meldungen abgelenkt, die es in sich haben.

So zog Mitte Januar dieses Jahres ein Vorfall in Österreich die Aufmerksamkeit der Presse (und Teile unseres Lektorats und der Rechercheabteilung) auf sich.
In Wien nutzte ein Mann die Pinkelpause eines Straßenbahnfahrers, um eine Straßenbahn für zwei Stationen in seine Gewalt zu bringen. Danach war Schluss, denn die Stadtwerke drehten der Linie 60 kurzerhand den Strom ab. Über die Beweggründe des Entführers stand nichts in der Zeitung; zu Schaden kam glücklicherweise aber niemand.
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1921

Medienbeobachtung und Ausschnittdienst sind Dienstleistungen, die sich vor allem mit aktuellen Quellen befassen. Eine große Zahl von Medien ist bei uns jedoch auch über ein Archiv abruf- und auswertbar. Dieses Pressearchiv reicht bis in die Anfänge des letzten Jahrhunderts zurück. Eine soeben formulierte Kunden-Anfrage nach einer Augsburger Tageszeitung vom 26. April 1921 ist deshalb für uns nicht so ganz ungewöhnlich.

„Polizeischutz und Medienbeobachtung“

Als Medienbeobachter ist man daran gewöhnt, sein eigenes Metier als Medienbeobachtung zu bezeichnen. Zu der Tätigkeit, zu der man früher Ausschnittdienst oder gar Schnipseldienst gesagt hat, sagt man heute Medienbeobachtung oder Media Monitoring. Man denkt eigentlich, dass man weiß, wovon man redet. Eigentlich. Denn manchmal stößt man auf diesen Begriff und staunt, dass er auch ganz anders verwendet wird und semantisch, also von der Bedeutung her, so fern vom unrühmlichen Paparazzi gar nicht entfernt ist. So verwendet die Frankfurter Neuen Presse Ende April dieses Jahres unter der Überschrift „Spektakel in Oggersheim“ einen kurzen Text, in dem das Treffen des Altbundeskanzlers Helmut Kohl mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban kommentiert wird. Der Autorin dieses Kommentars, Cornelie Barthelme, geht es dabei vor allem um den Aspekt der Öffentlichkeitsarbeit in Zusammenhang mit dem besagten Treffen. Zuerst, so schreibt Fr. Barthelme, sei es die Bild-Zeitung gewesen, in der das private Treffen „Wochen zuvor kundgetan wurde“. Dann sei „zwei Tage vorab unter dem Namen des Hausherrn (gemeint ist der Altbundeskanzler; m.Anm.) ein Text in einer seriösen Berliner Zeitung“ erschienen. Und dann sei es zu dem Treffen gekommen: „unter Polizeischutz und Medienbeobachtung“.

Der Begriff der Medienbeobachtung wird hier also sozusagen umgedreht. Nicht ein Dienstleister beobachtet hier die Medien, sondern die Medien selbst – bzw. die für die verschiedenen Publikationen tätigen Journalisten – beobachten erst noch ein Ereignis. Der Kreis schließt sich aber dadurch, dass das die Zusammenstellung des medialen Echos dieses Ereignisses in den Medien wiederum eine Aufgabe für den Medienbeobachter ist.

Und es ist nur normal, dass der Altbundeskanzler seinem Freund ein paar Tage nach dem Treffen eine Pressemappe mit den Ausschnitten und Veröffentlichungsnachweisen zukommen läßt, in denen das „Spektakel in Oggersheim“ Erwähnung fand.

A Beautiful Mind

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John Nash erhielt 1994 den Nobelpreis für Wirtschaft. Er war Mathematiker und schizophren. In dem Film A Beautiful Mind erzählt Ron Howard das Leben dieses Mannes. 2001 erhält der Film vier Oskars, unter anderem für die beste Regie.

Es gibt immer wieder Filme und Bücher, in denen das Sammeln oder Auswerten von Medien behandelt wird. Ist man Medienbeobachter dann schaut man auf künstlerische Erwähnungen dieses Metiers mit besonderem Interesse. In A Beautiful Mind gibt es mindestens zwei Szenen, die in diesem Zusammenhang besonders erwähnenswert sind. Kurioserweise bedient sich der Regisseur dabei einer Kenntnis von der Arbeit eines normalen Lektors (die eigentlich niemand hat), der er aber durch bewusste Übertreibung etwas Wahres abringt: denn was man zu sehen bekommt, kann nicht das Werk eines NORMALEN Lektors sein.
Erzählerisch macht Ron Howard im ersten Teil des Films den Zuschauer und den Protagonisten in ihrer jeweiligen Wahrnehmung der Realität zu Komplizen. Sowohl John Nash wie wir wissen nicht, mit was genau wir es zu tun haben: mit einer individuell halluzinierten Wahnwelt oder einer allgemein zugänglichen Wirklichkeit. Diese Komplizenschaft aber wird in den besagten Szenen aufgekündigt; der Zuschauer wird aus der kinematographischen Symbiose, die er mit dem Hauptdarsteller eingegangen war, herausgeworfen und der spätere Nobelpreisträger, interpretiert von Russell Crowe, bleibt um so einsamer zurück.

In beiden Szenen ist es Alisha, die Frau des Matematikers, gespielt von Jennifer Connelly, die uns bei diesem Bruch begleitet. Der Ort in der ersten Szene ist ein Zimmer in der nordamerikanischen Princeton-Universität, wo John Nash im „Auftrag der CIA und des Pentagons“ arbeitet. In der zweiten Szene ist es ein heruntergekommener Schuppen in der Nähe des Wohnhauses der Familie; auch hier arbeitet Nash mit militärischer Unterstützung.
Während die Bilder in Princeton der Ehefrau auf tragischste Weise vor Augen führen, wie es um die psychische Gesundheit ihres Mannes bestellt ist, illustrieren die Aufnahmen im Innern des heruntergekommenen Schuppens, Jahre nach Princeton, dass die bezwungen geglaubte Krankheit nach wie vor aktiv ist.

Beide Male fährt die Kamera langsam zurück und zeigt einen vollkommen leeren Raum, dessen Wände von oben bis unten mit Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitten beklebt sind, einer gar seltsamen Tapete, auf der Linien und Markierungen kein geheimes Kommunikations-Muster offenbaren, sondern den Realitätsverlust eines kranken Menschen.
Es ist nur verständlich, dass ein durchschnittlicher Zuschauer nicht weiß, was genau ein Lektor, der beruflich Zeitungen und Zeitschriften auswertet, tut. Es ist aber doch erstaunlich, dass ein durchschnittlicher Zuschauer recht genau zu wissen scheint, was ein normaler Lektor eben NICHT tut.
Anders würde A Beautiful Mind nicht funktionieren.

Durchsicht

Bei der Durchsicht der für einen Kunden vom Lektorat zusammengetragenen Ergebnisse der Medienbeobachtung fällt mir ein doppelter, eine ganze Zeitungsseite einnehmender Artikel aus einer im Würzburger Raum erscheinen Tageszeitung auf: dieselbe Quelle, dieselbe Überschrift, dasselbe Layout, unterschiedliche Erscheinungsdaten. Kann das sein? Derselbe Artikel in derselben Zeitung an zwei aufeinander folgenden Tagen? Ich schicke den Artikel zurück an die Lektoratsleitung mit Bitte um Klärung. Weil aber die Zeit drängt, versuche ich die Sache parallel mittels eines Anrufs bei der Redaktion zu klären. Herr L. ist sehr freundlich. Vorkommen sollte das eigentlich nicht, aber er schaut gerne mal nach. Ich höre ihn blättern. Ja, sagt er, in der Ausgabe vom 24.11. sehe ich den Artikel. Er blättert wieder. Ja, Sie haben Recht, sagt Herr L., in der Ausgabe vom 25.11. sehe ich den Artikel auch. Und er erklärt: Wir kaufen den Mantelteil ein und haben keinen Einfluss darauf, was da veröffentlicht wird. So eine Dopplung sollte eigentlich nicht vorkommen, wiederholt er sich. Ich bedanke mich und sage der Lektoratsleitung Bescheid: falscher Alarm; die Lektoren haben alles richtig gemacht.

Sponsor

An einem der letzten August-Wochenenden gab es eine große Sportveranstaltung in einem fernen Land. Wir wurden mit der Aufgabe betreut, den japanischen Hauptsponsor zu beobachten und dessen mediale Präsenz in Text und Bild zu dokumentieren. Das Problem seitens des deutschen Kontaktes war das beschränkte Budget. Dass man eine Medienbeobachtung nicht nach Erreichen eines bestimmten Betrags abbrechen kann, war nur schwer zu erklären und für den ausländischen Sponsor schlicht nicht nachvollziehbar. Trotzdem haben wir eine Lösung gefunden, die den Kunden zufrieden stellte. Ob da aber nicht auch etwas Glück im Spiel war, lassen wir an dieser Stelle mal unberücksichtigt.

Erkenntnistheorie

Einer unserer Kunden, für den wir eine Medienbeobachtung machen, ist ein großer Textilhersteller. Sein Metier sind Teppiche, Decken, Gardinen, Bezüge und was man sich noch so alles vorstellen kann. Ich muss noch sagen, dass ich selbst nicht als Medienlektor arbeite, sondern nur die Ergebnisse überprüfe, die von den Lektorinnen und Lektoren als Treffer markiert und entsprechend für die Kunden „gebucht“ werden. Als im Zusammenhang mit dem besagten Textilhersteller plötzlich ein eine ganze Zeitungsseite umfassender Text über den in Heidenheim im Jahr 1867 geborenen Philosophen Heinrich Maier vor mir liegt, denke ich, dass das nur ein Lektoratsfehler sein kann. Maiers Arbeiten, so heißt es in dem Artikel der Heidenheimer Neuen Presse, bewegen sich „an der Grenze von Psychologie und Erkenntnistheorie“. Das passt ja, denke ich noch und will den Text mit einem entsprechenden Vermerk dem zuständigen Lektor zurückgeben, als mein Blick auf das untere Ende der vorletzten Spalte fällt. Hier finde ich mit Kugelschreiber eine kleine Markierung: die beiden ersten Buchstaben eines Firmennamens sind unterstrichen. Und tatsächlich arbeitete der Vater des Philosophen Ende des 19. Jahrhunderts bei „unserem“ Textilhersteller. Gut, dass ich nicht Lektor bin, denke ich noch.

Medienbeobachtung mit Gänsefüßchen

Medienbeobachtung der besonderen Art wird von der IVW (http://www.ivw.eu) durchgeführt. Die IVW ist die „Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern“. Sie ist ein gemeinnütziger Verein und als solcher eingetragen im Berliner Vereinsregister. Während wir normalen Medienbeobachter (beinahe) den gesamten Inhalt einer Publikation „verarbeiten“, beschränkt sich die IVW auf – man verzeihe mir diese Verkürzung – „Äußerlichkeiten“ und trifft Aussagen über Auflagenzahlen und Reichweiten sowie deren Entwicklung. 

So hieß es in der letzten Pressemitteilung dieser „Medienbeobachter“ zum Beispiel, dass die Verkaufsauflage von Tageszeitungen des dritten Quartals im Vergleich zum Vorjahr um ganze 4,8 Prozent gesunken sei, eine Tendenz, die auch im Bereich der Publikumszeitschriften beobachtbar ist, obwohl in den letzten drei Monaten dank der besseren Einzelverkäufe ein leichtes Auflagen-Plus festgestellt werden konnte. Auch Fachpresse und Kundenzeitschriften, so die IVW, verzeichneten ein Minus, wenn auch mit 2 Prozent ein geringeres. Dass die Süddeutsche Zeitung ihre Samstagsausgabe vollständig überarbeitet hat und sie nun als Wochenendausgabe anbietet, liegt auch daran, dass die unter der Kategorie Wochenzeitung laufenden Publikationen, die einzigen Printmedien sind, die im Jahresvergleich einen steigenden Gesamtverkauf registriert haben. 

Die Auflagenzahlen des dritten Quartals, gegliedert nach Medientypen können als PDF hier eingesehen werden: http://daten.ivw.eu/download/pdf/IVW_Statistik_Auflagen_20143.pdf Hier finden sich auch die sehr interessanten Zahlen zur Entwicklung des ePapers.