Medienbeobachtung in “Damengambit”

The queens gambit

In der erfolgreichen Produktion des bekannten Streaminganbieters, die jetzt auch mit einem Golden Globe für die beste Miniserie und die beste Hauptdarstellerin einer Miniserie ausgezeichnet wurde, gibt es zwei Szenen, auf die man in einem Blog wie diesem eingehen kann. In der einen Szene ist es die Adoptivmutter Alma Weatley, gespielt von Marielle Heller, die im Zentrum steht, in der anderen Szene ist es der verstorbene Mr. Shaibel, dessen Rolle Bill Camp übernommen hat.

In der besagten ersten Szene sitzen die Protagonistin Elisabeth Harmon, alias Anya Taylor-Joy, und deren Adoptivmutter Alma Weatley nebeneinander im Flugzeug und sind auf dem Weg zu einem Schachturnier im texanischen Houston.
Seit Elisabeth so gut Schach spielt, findet Alma in Zeitungen und Zeitschriften immer wieder Artikel über ihre Adoptivtochter. So auch jetzt. Sie hält eine Zeitschrift vor sich und liest voller Anerkennung und Stolz die Überschrift des gefundenen Presseartikels laut vor. Dann unterbricht sie sich aber. Sie senkt die Zeitschrift nachdenklich und sagt wie zu sich selbst: “Ich hätte alle diese Artikel sammeln sollen.”

Mit einem professionellen Medienbeobachter sähe diese Szene anders aus oder wäre nie gedreht worden. Denn die stolze Mutter hätte einen Profi mit der Lektüre von Zeitungen und Zeitschriften beauftragt. Sie hätte die besten Ergebnisse vielleicht in ein Album geklebt oder sie alle in einem Aktenordner alphabetisch entsprechend der Quelle oder chronologisch nach Erscheinungsdatum archiviert. Vielleicht hätte sie sich auch die Namen der Journalisten und Fotografen rausgeschrieben, um sich für die eine oder andere besonders gelungene Veröffentlichung zu bedanken. Oder sie hätte die Fotografen, Journalisten oder Redaktionen das eine oder andere Mal telefonisch auf ein besonderes aktuelles Ereignis im der Karriere ihrer berühmten Tochter hingewiesen. Auf jeden Fall hätte sie selbst nichts sammeln und keine Sorge haben müssen, etwas zu übersehen oder zu verpassen.

Mr. Shaibel, der in der besagten zweiten Szene von Damengambit im Mittelpunkt steht, wäre für seine Zwecke ganz gut auch ohne einen entsprechenden Dienstleister im Bereich Medienbeobachtung ausgekommen.

Mr. Shaibel ist der Hausmeister des Waisenhauses, in dem Elisabeth nach dem Tod ihrer leiblichen Mutter untergebracht wird. Er ist es, der der zukünftigen Schachmeisterin in einem schlecht beleuchteten, etwas staubigen Keller das Spiel beibringt. Als Mitglied des örtlichen Schachklubs erahnt Mr. Shaibel auch schon etwas von dem großem Talent seiner jungen Schülerin.

Als Elisabeth, die mittlerweile eine bekannte Schachspielerin ist, vom Tod von Mr. Shaibel erfährt, besucht sie in Folge 6 noch einmal das Waisenhaus. Sie geht noch einmal in den schlecht beleuchteten Keller, wo alles begann. Sie sieht den Tisch, auf dem das Schachbrett stand, die beiden abgenutzten Stühle, die Glühbirne an der Decke. Und dann entdeckt sie auch die Holztafel, die zu ihrer Zeit noch nicht gab; an ihr hängen zahlreiche Zeitungs- und Zeitschriften-Ausschnitte.
Ihr wird klar, dass nicht nur sie all die Jahre oft an ihren alten Lehrer gedacht hatte. Auch ihr Lehrer hatte ihre Karriere so gut wie er konnte verfolgt und alle Presseartikel, an die er kommen konnte, an dieser Holztafel aufgehängt. Für Mr. Shaibel, als typisch privater Zeitungsleser, geht es in der Geschichte nicht um das vollständige Presseecho einer berühmten Schachspielerin, er schneidet die Berichte und Fotos aus, um sich an seine kleine Schülerin Elisabeth zu erinnern.

Burkhard Heinz
mediatpress®