Medienanalyst und Mikrowelle

Teetrinkerin
In einem Unternehmen wird nicht nur gearbeitet, es werden auch Pausen gemacht. Ganz klar. Die Teeküche mit ihrer Mikrowelle ist ein beliebter Ort für diese Pausen. Die drei Minuten, die es braucht, um zum Beispiel eine Tasse Wasser für einen Tee zu erhitzen, sind ein zeitlicher Rahmen für kurze Begegnungen, Gespräche und “empirische Untersuchungen”. Für Letzteres trägt Peter aus der “Medienanalyse” die Verantwortung. Und das kam so.

Irgendwann sprach man in der Teeküche ernsthaft darüber, warum der Henkel einer Tasse Wasser, die man immer für drei Minuten in die Mikrowelle stellt, nach Ablauf dieser Zeit manchmal nach vorne und manchmal nach hinten zeigt.

Erklärungen für das Verhalten der Mikrowelle gab es viele, wobei man nicht immer gleich wusste, wie ernst diese Erklärungen gemeint waren.

Dem Küchengerät wurde von manchem ein gewisses Eigenleben angedichtet. Warum sollten nur Menschen, Tiere und Pflanzen lebendig sein? Man könne sich ja auch durchaus andere Lebensformen vorstellen, wie das von Robotern, Maschinen und Küchengeräten. Die Frage sei nicht ob, sondern wann etwas lebendig sei.
Die zu beobachtende Eigenwilligkeit der Mikrowelle, meinte jemand anderes, hinge mit dem “Internet der Dinge” zusammen, von dem auch Küchengeräte, unabhängig davon, ob sie entsprechend ausgestattet und vernetzt seien, nicht verschont blieben.
Eine dritte Erklärung nahm die Personen ins Visier, die das Küchengerät bedienten. Schlechte Laune würde ganz offensichtlich zu schlechten Henkel-Positionen führen.

Das ging so oder so ähnlich weiter, bis sich Datenanalyst Peter der Sache annahm.

Leute, meinte Peter irgendwann, lasst uns doch einmal ein paar Daten zusammentragen. Wir müssen zuerst die Frage beantworten, ob es tatsächlich die vermeintliche Unregelmäßigkeit der Henkelposition gibt. Ich schlage vor, jeder, der sich mit der Mikrowelle einen Tee oder was sonst zubereitet, macht in diese Liste hier ein “V” oder ein “H”, je nachdem, ob sich der Henkel nach Ablauf von 3 Minuten “vorne” oder “hinten” befindet.

Peter hielt eine Liste hoch, die er vorbereitet hatte und nun mit Tesa an die Tür des Küchenschranks in die Nähe der Mikrowelle klebte. Anschließend holte er einen Bleistift aus der Brusttasche, nahm eine Kordel aus der Hosentasche, band den Bleistift an das eine Ende und klebte das andere Kordelende, wieder mit Tesafilm, neben die Liste.

Dabei bedeute “V”, fuhr er fort, dass man nach öffnen der Mikrowelle den Henkel der Tasse sieht und ihn sofort greifen kann, und “H” bedeutet, dass man den Henkel nicht sieht und ihn erstmal ranholen muss, um die Tasse fassen zu können. Das müsste, so der Datenanalyst, fürs Erste reichen.

Es vergingen einige Wochen und auf der Liste am Küchenschrank erschienen immer mehr Eintragungen. Manchmal war es zwar schwer, ein handgeschriebenes “V” von einem handgeschriebenen “H” zu unterscheiden, aber das war kein Hinderungsgrund für die Auszählung. Außerdem hatte Peter ja nichts von Schönschrift gesagt.

Das Ergebnis war am Ende relativ klar: 61 mal “V” und 38 mal “H”.

Peter hielt sich bezüglich der Interpretation dieser Zahlen bedeckt. Er meinte, dass die Leute in der Teeküche schon selber darauf kämen, was diese Zahlen zu bedeuten hätten.

Ich persönlich mache mir vielleicht einmal in der Woche einen Tee und habe nicht den blassesten Schimmer, welche Schlussfolgerungen aus 61 mal “V” und 38 mal “H” zu ziehen sind. Außer vielleicht, dass mir, seit ich die Zahlen kenne, auffällt, dass meine Tasse doch eigentlich recht oft nach dem Aufwärmen so steht, dass ich sie super aus der Mikrowelle herausnehmen kann.

Burkhard Heinz
mediatpress®