Medienbeobachtung historisch: vom “Gedächtnis-Tier” zum “Interpretations-Tier”

Erst der menschliche Verstand zusammen mit maschineller Verarbeitung ermöglicht die Auswertung vieler Tausend Print- und Onlinemedien. Nur so ist es möglich, dass das von uns angebotene Auswertungs-Panel eines der umfassendsten überhaupt ist.
Beide Systeme – menschlicher Verstand und künstliche Intelligenz – ergänzen sich dabei so, dass Defizite des einen Systems durch Stärken des anderen Systems ausgeglichen werden. Wie auch in anderen Branchen hat sich gezeigt, dass durch dieses Zusammenspiel die besten Ergebnisse erzielt werden und Kundinnen und Kunden von einem Höchstmaß an Sicherheit, Genauigkeit und Vollständigkeit profitieren.
Die Hauptaufgabe der “maschinellen Verarbeitung” ist es, Menschen von über- oder unmenschlichen Aufgaben und Anforderungen zu befreien, um die Ergebnisse ihrer Arbeit im Sinn der Kundenzufriedenheit zu verbessern.

Eine der größten Herausforderungen der in der Medienbeobachtung arbeitenden Lektorinnen und Lektoren bestand lange Zeit darin, in einer Art Gedächtnisakrobatik mehrere Tausend Suchvorgaben in Form von Firmen-, Produkt-, Personen- und Veranstaltungslisten im Gedächtnis zu behalten und entsprechende Nennungen in den verschiedensten Quellen, Texten und Bildern zu finden; die Anzahl dieser einzelnen Namen entsprach ungefähr der Anzahl der Worte des durchschnittlichen Wortschatzes eines erwachsenen Muttersprachlers. Unvorstellbar! Dabei wurden häufiger vorkommende Namen verständlicherweise leichter erinnert und leichter gefunden; seltener vorkommende Namen wurden im Gegenzug leichter vergessen und damit auch leichter übersehen.

Die Popularisierung der elektronischen Datenverarbeitung (EDV) zu Anfang der 1990er Jahre hatte deshalb nicht nur verwaltungstechnische Auswirkungen, sondern auch Auswirkungen auf die eigentliche Medienbeobachtung. Firmen-, Produkt-, Personen- und Veranstaltungsnamen mussten jetzt nicht mehr nur im Gedächtnis der Lektorinnen und Lektoren vorhanden sein, um gefunden zu werden. Die im Lektorat eingesetzte Hard- und Software unterstützte die eigentlichen Medienbeobachtung auf zweifache Weise.

Einerseits konnte man nun nachschauen, ob ein bestimmter Name, den man in einem Text oder Bild gefunden hatte, von kundenseitigem Interesse war, andererseits erlaubte die datenbankseitige Verschlagwortung sowie die Bildung von Themen- und Bedeutungsfelder, dass nicht immer alle Suchvorgaben bei allen Texten präsent sein mussten. Durch die thematische Einordnung von Pressetexten und -bildern erschienen auch auf dem Bildschirmen der Lektorinnen und Lektoren nur noch solche Suchvorgaben, die dieser Thematik entsprachen. Die Überlegung dabei war sehr einfach: die Nennung zum Beispiel eines Automobilherstellers ist in einem Presseartikel über Automobile wahrscheinlicher als in einem Artikel über Hautcremes.

Die Entlastung des Gedächtnisses der im Lektorat tätigen Frauen und Männer bedeutete aber in keinem Fall ihre Entlassung aus ihrer Verantwortung gegenüber den Kunden. Das morgendliche (Gedächtnis-)Briefing mit neuen Suchvorgaben, mit Mitteilungen über Reklamationen und mit Suchvorgaben, nach denen nicht mehr gesucht wird, gehörte weiterhin zur täglichen Routine.

Vor beinahe nun 10 Jahren hielten Großformatscanner, Text-, Sprach- und Bilderkennungssoftware sowie leistungsfähigere Computersysteme im Lektorat Einzug. Mit dem Ergebnis, dass Firmen-, Produkt-, Personen- und Veranstaltungsnamen jetzt direkt in den Texten markiert werden. Für die mit der Medienbeobachtung betrauten Personen ist damit ein Schritt getan, der sie noch weiter von der stupiden Gedächtnisakrobatik entlastet.
Wenn man es überhaupt so sagen kann, dann ist der Mensch nämlich weniger ein Gedächtnis-Tier als ein Interpretations-Tier. Als solches ist es nun die Aufgabe der im Lektorat Arbeitenden die automatisch markierten Textstellen zu sichten und zu verstehen, um zu entscheiden, ob es sich bei “Mercedes” um den Vornamen einer argentinischen Künstlerin oder um die Marke eines bekannten Automobilherstellers handelt, ob “Müller” der Nachname u.a. des ehemaligen Fußballnationalspielers oder der Firmenname eines großen Anbieters von Molkereiprodukten ist. Oder ob “Windsor” das britische Königshaus meint oder den Bielefelder Bekleidungshersteller. Was z.B. “Windsor” noch alles sein kann, davon gibt folgender Wikipedia-Eintrag einen kleinen Eindruck: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Windsor

Burkhard Heinz
mediatpress®