Journalistische Sprache und Bauchgefühl: Wo ist der Zusammenhang?

Das Vorkommen des Wortes Bauchgefühl in Zeitungen und Zeitschriften in unserem Pressearchiv Die vermeintliche Entwicklung eines Begriffs in den letzten 20 Jahren.

Vor ein paar Wochen wollten wir für diesen Blog eine neue Reihe starten. Wir wollten in unregelmäßigen Abständen kleine Texte veröffentlichen, die sich mit der Entwicklung der Sprache in Zeitungen und Zeitschriften befassen sollten. Stützen wollten wir uns dabei auf unser sehr umfangreiches Pressearchiv. Als Zeitraum hatten wir an die letzten 20 Jahre gedacht. Anschließend sollten die Ergebnisse kurz diskutiert und grafisch dargestellt werden.

Im ersten Text sollte es um das “Bauchgefühl” gehen. Die Hypothese, der es nachzuspüren galt, lautete: Zeitungen und Zeitschriften greifen im Sinne einer zunehmenden Orientierung an der Leserschaft stärker (deren) persönliche Eindrücke und individuelle Erfahrungen auf und verzichten häufiger auf Objektivität, sachliche Beurteilungen und unpersönliche Fakten.

Bereits die ersten Suchergebnisse waren eindeutig: im Jahr 2000 zeigte das Pressearchiv sehr wenige Treffer, im Jahr 2018 erreichte die Anzahl der Nennungen des Wortes “Bauchgefühl” in Zeitungen und Zeitschriften einen Höhepunkt (siehe Schaubild oben).

Ist es denn nicht tatsächlich so, dass heute mehr die Rede ist vom “persönlichem Eindruck”, von “gefühlten Tatsachen” und eben vom “Bauchgefühl”?

Die Entscheidung für die Veröffentlichung fiel dann recht schnell. Zu schnell, wie sich herausstellte. Denn die Daten waren “gefühlt richtig”, sachlich aber vollkommen falsch. Der Blog-Beitrag stand gute 30 Minuten im Netz und wurde dann ganz schnell wieder offline geschaltet.

Hätte die für das Blog zuständige Person etwas weniger impulsiv und mit weniger Bauchgefühl gehandelt, dann hätte sie sehen müssen, dass das untersuchte Datenmaterial für entsprechende Schlüsse vollkommen ungeeignet ist. Ganz einfach deshalb, weil sich die Menge der im Pressearchiv verfügbaren Publikationen über die Jahre verändert hatte. Vor 20 Jahren waren es noch deutlich weniger Medien, die archiviert wurden, als heute.

Wenn ich aber das Wort “Bauchgefühl” im Jahr “X” in 100 Publikationen suche, im Jahr “Y” in 200 und im Jahr “Z” in 500, dann ist es nicht verwunderlich, dass die Anzahl der Nennungen unterschiedlich ist. Durch die Reihung der Jahre X, Y und Z kann ich dann zwar ein häufigeres Vorkommen des fraglichen Begriffs in unserem Pressearchiv feststellen, ich kann daraus aber keine Entwicklung ableiten und allgemein behaupten, dass das Wort “Bauchgefühl” in der journalistischen Sprache heute gegenwärtiger ist als früher.

(Fortsetzung folgt)