Arbeit

Wenn ein neuer Kunde eine Medienbeobachtung in Auftrag gibt, wird er in der Regel gefragt, ob es einen kleinen Text gibt, der beschreibt, worum es bei dem, wonach wir suchen sollen, geht. Das soll den Blick der Lektorinnen und Lektoren etwas schärfen, denn es kann ja nicht darum gehen, eine Nadel im Heuhaufen zu suchen. Der Kunde kommt diesem Wunsch in aller Regel gerne nach.
Die Ergebnisse, die die Lektoren finden, gehen alle noch einmal über meinen Tisch. Im Schnelldurchgang versuche ich – soweit möglich – Fehler aufzuspüren und zu korrigieren. Manchmal enthält ein Text die notierte Suchvorgabe gar nicht, manchmal ist die Quellenangabe unzureichend. Der Kunde wird mit diesen Unzulänglichkeiten nicht belästigt, wenn ich meine Arbeit gut mache.
Nun liegt gestern plötzlich ein kurzer Text vor mir, in dem es um einen Bankraub geht. Nein, weiß ich, weder die Polizeibehörde noch die genannte Bank sind Kunden. Ich will den fraglichen Ausschnitt schon fast wieder zurückgeben, als mein Blick, wie durch Zufall, auf das Foto der Überwachungskamera fällt. “Wer kennt diese Person?”, wird dort gefragt. Die Person kenne ich nicht, aber das Logo auf der Jacke fällt mir auf.
Den Medienbeobachtungsauftrag des besagten Kleidungsherstellers habe ich damals, glaube ich, sogar selbst entgegen genommen. Von einem Schwerpunkt “Arbeitskleidung” war die Rede. Daran erinnere ich mich. Den Begriff “Arbeit” aber so weit auszulegen, wäre mir im Traum nicht eingefallen. Wäre ich Lektor, ich hätte das bekannte Logo mit dem Vogel glatt übersehen.

In Kürze

Nicht alles, was in Zeitungen steht, ist gut. Manchmal ist es die Form, an der es fehlt, manchmal der Inhalt. Manchmal bedingt eins das andere.
So berichtet die vor mir liegende Sonntagszeitung auf der ersten Seite von einem Brand in einer Flüchtlingsunterkunft in Hamburg, bei dem drei Menschen ums Leben gekommen sind. Ein 13 Jahre alter Junge soll die Tat begangen haben, so die Meldung der Deutschen Presse Agentur. Der besagte Zeitungstext endet mit einem Zitat des SPD-Innensenators: “[Das] hat mich mehr als erschrocken und wütend gemacht…, dass offenbar ein 13-Jähriger, der sich gerade einer Jugendfeuerwehr angeschlossen hat, den Brand verursachte.”
Soweit die etwas zu kurze journalistische Auslassung.
Frage: Was veranlasst die Deutsche Presse Agentur zu dem angeführten Zitat, in dem ein Innensenator Entsetzen NICHT über den Tod einer Frau und ihrer sechs- und siebenjährigen Kinder ausdrückt, sondern über den guten Ruf der Jungendfeuerwehr schwadroniert? Antwort: Die Deutsche Presse Agentur (DPA) meldet das Wichtige und läßt das Unwichtige weg. Wichtig ist die Sorge um die Hamburger Jugendfeuerwehren und ihr guter Ruf; unwichtiger der erneute Tod von drei Personen in einer Flüchtlingsunterkunft.
Herr Michael Neumann ist aber so ganz unfair nicht zitiert worden. Auf seiner Website mit der etwas herrschaftlich klingenden Internetadresse neumann-hamburg.de gibt es einen ganzen Abschnitt, der den großen Titel “Erschrocken & wütend” trägt. Hier heißt es denn auch über die Brandstiftung, die den Hamburger Innensenator erschrocken und wütend gemacht hat :”Erschrocken, weil ich mir die Frage stelle, wie ein junger Mensch eine solch schreckliche Tat begehen kann.” Absatz, und weiter. “Wütend deshalb, weil unsere Freiwilligen Feuerwehren mit ihren Jugendfeuerwehren, die tagtäglich Großartiges für die Sicherheit der Hamburgerinnen und Hamburgern leisten.” Abatz, und noch weiter. “Deshalb sind die Jugendfeuerwehren auch zurecht in 2013 für ihre vorbildliche Arbeit mit dem Deutschen Nationalpreis (sic) ausgezeichnet worden.” Und der Innensenator ist deswegen wütend, nicht, weil seine Behörde es wieder einmal nicht geschafft hat, Menschen zu schützen, sondern weil ein 13-jähriges Mitglied der Hamburger Freiwilligen Feuerwehren nun den “Deutschen Nationalpreis” entehrt hat.
Ich schlage die DPA und Michael Neumann für den DEUTSCHEN NATIONALpreis 2014 vor, weil sie für die deutschen Leser und Deutschland unerschrocken zu unterscheiden wissen zwischen dem, was wichtig, und den andern, die unwichtig sind.

Penny

Heute fällt mein (privater) Blick beim Zeitunglesen auf ein Foto in der Stuttgarter Zeitung. Berichtet wird von einem Mann, der wegen Hochstapelei und Vergewaltigung zu 11 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Auf dem besagten Bild ist der Mann zu sehen, sein Verteidiger und eine dritte Person. Der Verurteilte möchte nicht erkannt werden. Er hält aus diesem Grund eine Einkaufstasche vor sein Gesicht. Darauf steht der Satz: “Immer erst zu Penny”.

Gewalt

Auch mit Gewalt schafft man es nicht, ein dünnes Blatt A4-Kopierpapier mehr als sieben Mal zu falten. Wer nun denkt, größere Papierformate ließen sich automatisch auch viel häufiger falten, irrt sich gewaltig: Auch bei A0 ist nach acht Faltvorgängen Schluss. Der Grund: Die durch das Falten aufeinanderliegenden Lagen werden höher, als es die Umschlagkante erlaubt.

Prost!

Das Wortbild stimmt – von weitem. Alle Buchstaben sind vorhanden – nur eben nicht in der richtigen Reihenfolge: so sehen die besonderen Herausforderungen für Lektoren aus. Es ist also verständlich, wenn die Potsdamer Neuesten Nachrichten am 18.1.2013 einen Bericht über eine Demonstration in Berlin mit “Prostet gegen die Agrarindustrie” betiteln.

Nikoläuse

Die Tageszeitung “Lohrer Echo” ist eine Ausgabe des in Aschaffenburg erscheinenden “Main-Echo”. In der Ausgabe vom 30.10.2012 heißt es in der Rubrik “Lokales”, dass ‘rund 18 000 Nikoläuse demnächst von Lohr aus ihre Reise Richtung Würzburg antreten. Sie hätten den Auftrag “den Weihnachtsmann aus den Regalen der Geschäfte zu verdrängen”, denn Ziel sei es, so das Lohrer Echo, “den heiligen Nikolaus wieder in den Vordergrund zu rücken und” – Achtung! – “einer Verwechslung mit der populären Kunstfigur des Weihnachtsmann” – “Kunst” kommt hier von “künstlich” – “entgegen zu wirken”. Die ganze Aktion liefe unter dem Namen “Achtung weihnachtsmannfreie Zone”. Aufgrund der jeweiligen Witterung ist es nun ganz einfach einen Schoko-Weihnachsmann von einem Schoko-Osterhasen zu unterscheiden; wie aber unterscheidet man einen Schoko-Weihnachtsmann von einem Schoko-Nikolaus?

Demographisch

Die Otto Group reagiert auf den demographischen Wandel: Sie hat am 1. Mai 2012 mit der Otto Group Senior Expert Consultancy GmbH ein Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen gegründet, das ausschließlich Pensionäre des Handelskonzerns beschäftigt.

Spielertausch

Luis Figo, der ehemalige portugiesische Nationalspieler, hat jetzt im Internet eine Plattform gestartet, auf der sich Spieler, Manager, Berater und Offizielle aus der Fußballszene in einem geschlossenen Netzwerk austauschen und neuerdings auch Spieler-Transfers vornehmen können.

Madsack

Die Verlagsgesellschaft Madsack, bei der u.a. die Hannoversche Allgemeine, die Neue Presse und die Dresdner Nachrichten erscheinen, soll, glaubt man den immer wieder zu hörenden Tuscheleien, nicht zu den kommunikationsfreudigsten Unternehmen zählen. Das soll sich jetzt ändern. Am Stammsitz in Hannover wird eine neue Stelle geschaffen: “Leitung Unternehmenskommunikation”; besetzt wird sie am 1. November mit Susanne Bömmel, die dem einen oder anderen noch als Burda-Pressesprecherin bekannt sein dürfte.

Bild

Entsprechend der aktuellen Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse ist “Bild” bezüglich Leserverlust bei den Printmedien der große Verlierer. Dem Boulevardzeitung kamen laut Analyse 560.000 Leser abhanden, “nur noch” 9,73 Mio haben dem Blatt die Treue gehalten.

Netzwerke

Das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels meldet gestern in seiner Online-Ausgabe, dass “jeder Zweite soziale Netzwerke nutzt”. Okay, ich gestehe, ich auch. Aber ich frage mich schon auch seit einiger Zeit wozu? Es ist deshalb auch durchaus verständlich, dass General Motors seinen lukrativen Werbevertrag mit Facebook in den Eimer gehauen hat. Die haben sich Ähnliches gefragt. Grad kurz vor dem morgigen Börsengang des “Zuckerbergs”, der über 100 Mrd Dollar einbringen soll. Das ist eine Zahl mit insgesamt 11 Nullen – uns Nutzer nicht mitgerechnet.

Kuh

Das Mühlacker Tagblatt vom 9.3.2012 berichtet, dass eine wohlhabende Leserin der Zeitung eine Kuh namens Hermine, die einem Metzger kurz vor der Schlachtung ausgerissen war, kaufen wollte, um sie “aufgrund ihres ausgeprägten Lebenswillens … bis zu ihrem natürlichen Ende durchzufüttern”. Der Bauernfamilie – Eigentümerin der Kuh – mehreren Polizisten, einer Tierärztin und verschiedenen Mitarbeitern des städtischen Bauhofs war es zwei Stunden lang” nicht gelungen, das Tier einzufangen. Mittlerweile steht Hermine wieder zu Hause im Stall und scheint glücklich und zufrieden, während der Bauer aufgrund der in “schweren Gummistiefeln durchgeführten Hetzjagd” noch 3 Tage über Muskelkater klagte. Unbekannt ist, ob das Übernahmeangebot der “wohlhabende Leserin” bezüglich Hermine erfolgreich war.

Spanische Grippe

Die “Spanische Grippe” hat anders als die Schweine- oder die Vogelgrippe, deren Bezeichnung den Ursprung der Krankheit nennt, keinen diesem Muster folgenden Bezug zu Spanien oder dessen Einwohnern. Als neutrales Land hatte Spanien während des ersten Weltkrieges eine weniger strenge Zensur, so dass der Name der Krankheit kurioserweise nicht den Ursprung der Krankheit, sondern den Ursprung der Berichterstattung nennt.

Fragen

Auf die im Behandlungszimmer formulierte Frage des Facharztes, was man denn beruflich so mache, sollte man schon aus Freundlichkeit und zur Förderung des Vertrauensverhältnisses nicht mit der entsprechenden Gegenfrage “und Sie?” antworten. Schwierig wird es, wenn der Mediziner im Anschluss an die berufliche Auskunft ganz unmedizinisch nachfragt, wozu das denn gut sei. Unbedingt den Arzt wechseln sollte man, wenn man auf die erste Frage z.B. mit “Lehrer” geantwortet hat.

Zeitungsglück

Hier ist es ruhig. In der Wohnung oben höre ich vereinzelt Schritte oder Geräusche, die wie Küchenarbeit klingen. Die Sonne scheint. Die Temperaturen werden auch heute nicht über Null steigen. Ein Auto fährt vorbei. Auf dem Tisch die Tageszeitung. Ein Glück: das Interview mit dem weltbekannten Regisseur, der versessen auf Neues ist und dessen jüngster Film soeben in den Kinos angelaufen ist; das Leipziger Schulmuseum mit seiner Ausstellung über oppositionelle Jugendbanden während und kurz vor der Nazizeit; die Rebellion international angesehener Wissenschaftler gegen den einflussreichsten Wissenschaftsverlag und dessen restriktive Publikationspraxis; krankmachende Praktiken des nicht immer gesunden Yogas…. . Viel mehr als ein paar Texte über Dinge, die ich noch nicht wusste, muss mir die Welt nicht bieten.

Die Heitere

Das von Leonardo da Vinci gemalte Bild, das in Deutschland unter dem Namen Mona Lisa bekannt ist, hängt im Louvre. Das ist bekannt. Etwas weniger bekannt ist, dass das Bild z.B in Italien und Spanien “La Gioconda” (die Heitere) heißt. Noch etwas weniger bekannt ist, dass im spanischen Prado ein Bild hängt, das ebenfalls diesen Namen trägt und (wahrscheinlich) dieselbe Frau abbildet. Die spanische Zeitung El Pais meldet heute, dass die Autorenschaft der “spanischen” Gioconda geklärt werden konnte. Das Bild entstand zur selben Zeit wie die Mona Lisa, stammt aber entweder von Andrea Salai oder von Francesco Melzi. Folgt man der englischen Ausgabe von Wikipedia, so heißt Andrea Salai mit richtigem Namen Gian Giacomo Caprotti da Oreno. Als Leonardo da Vinci 1524 stirbt, erbt Gian Giacomo Caprotti da Oreno, der auch als Geliebter Leonardos betrachtet wird, die Mona Lisa.